Evidenzbasierte Physiotherapie - was bedeutet das eigentlich?
Viele verbinden Physiotherapie vor allem mit Massage oder manuellen Techniken.
Diese können sinnvoll sein – aber sie sind nicht das ganze Bild.
Moderne Physiotherapie orientiert sich am Konzept der evidenzbasierten Praxis.
Das bedeutet:
Therapieentscheidungen beruhen nicht auf Gewohnheit oder Routine, sondern auf drei Grundlagen:
1. dem aktuellen Stand der Wissenschaft
2. der klinischen Erfahrung der Therapeutin oder des Therapeuten
3. den individuellen Zielen und Bedürfnissen der Patient:innen
Dieses Prinzip wurde bereits in den 1990er-Jahren als Grundlage moderner Medizin beschrieben (Sackett et al., 1996).
Warum Untersuchung und Gespräch so wichtig sind
Bevor eine Behandlung beginnt, findet immer eine sorgfältige Untersuchung statt.
Dabei geht es nicht nur darum, „wo es weh tut“.
Es geht darum zu verstehen:
• Wie sind die Beschwerden entstanden?
• Inwiefern sind Sie im Alltag eingeschränkt?
• Welche Bewegungen oder Belastungen werden vermieden?
• Welche Ziele verfolgen Sie – im Beruf, Sport oder täglichen Leben?
Erst auf dieser Grundlage wird entschieden, welche Maßnahmen sinnvoll sind.
Dieser strukturierte Denk- und Entscheidungsprozess wird in der Fachsprache als Clinical Reasoning bezeichnet (Higgs & Jones, 2008).
Vereinfacht gesagt bedeutet das:
Therapie wird nicht einfach angewendet – sie wird bewusst geplant.
Therapie ist eine gemeinsame Entscheidung – Shared desicion making
Ein wichtiger Bestandteil moderner Physiotherapie ist die gemeinsame Entscheidungsfindung.
Das bedeutet:
Behandlungsoptionen werden erklärt, Vor- und Nachteile besprochen und Ziele gemeinsam festgelegt.
Patient:innen sind aktive Partner im Prozess – nicht nur Empfänger einer Maßnahme (Elwyn et al., 2012).
Ein Beispiel aus der Praxis
Nehmen wir das Beispiel Kniearthrose.
Eine aktuelle große Übersichtsarbeit mit über 15.000 Patient:innen zeigt:
Regelmäßiges Training reduziert Schmerzen und verbessert die Funktion deutlich. Besonders aerobes Training – also z. B. Gehen, Radfahren oder Schwimmen – zeigte die konsistent besten Ergebnisse über verschiedene Zeiträume hinweg (Yan et al., 2025).
Aber:
Nicht jede Trainingsform wirkt gleich – und nicht jede Person braucht dasselbe.
So kann beispielsweise zusätzliches gezieltes Training der Hüftmuskulatur Schmerzen weiter reduzieren und die Gehfähigkeit verbessern (Thomas et al., 2022).
Entscheidend ist, welche Maßnahme zur individuellen Situation passt.
Und genau hier beginnt evidenzbasierte Physiotherapie:
1. Wir nutzen die aktuelle Studienlage als Grundlage.
2. Wir berücksichtigen Ihre Beschwerden, Ziele und Einschränkungen im Alltag.
3. Wir treffen die Entscheidung gemeinsam.
Nicht nach Schema F – sondern fundiert, reflektiert und individuell.
Unser Verständnis von moderner Physiotherapie
Für uns bedeutet evidenzbasierte Physiotherapie:
• genau untersuchen
• Zusammenhänge verstehen
• Therapie gemeinsam planen
• Maßnahmen individuell anpassen
• langfristige Verbesserungen anstreben
Nicht jede Beschwerde braucht dieselbe Lösung.
Aber jede Beschwerde verdient eine durchdachte Entscheidung.
Literatur:
Thomas, D. T., Shruthi, R., Prabhakar, A. J., Dineshbhai, P. V., & Eapen, C. (2022). Hip abductor strengthening in patients diagnosed with knee osteoarthritis: A systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskeletal Disorders, 23, 622. https://doi.org/10.1186/s12891-022-05557-6
Yan, L., Li, D., Xing, D., Fan, Z., Du, G., Jiu, J., Li, X., Estill, J., Wang, Q., Belal, A. A., Tian, C., Li, J. J., Li, S., Liu, H., Liu, X., Ren, Y., Yang, Y., Chen, J., Hu, Y., Ge, L., & Wang, B. (2025). Comparative efficacy and safety of exercise modalities in knee osteoarthritis: A systematic review and network meta-analysis. BMJ, 391, e085242. https://doi.org/10.1136/bmj-2025-085242
Sackett, D. L., Rosenberg, W. M. C., Gray, J. A. M., Haynes, R. B., & Richardson, W. S. (1996). Evidence based medicine: What it is and what it isn’t. BMJ, 312(7023), 71–72. https://doi.org/10.1136/bmj.312.7023.71